STEFAN MELNECZUK

KANAL 38

 

Martin schaltete den Fernseher ein – wie an jedem Tag um diese Zeit. Mit der Fernbedienung in den Händen ließ er zahllose Programme hinter sich, die nur auf ihn gewartet hatten. In den Nachrichten zeigten sie immer noch Bilder des brennenden World Trade Centers. Martin stellte den Ton ab und ließ Menschen mit rußschwarzen Gesichtern in stummer Prozession an sich vorüberziehen. Sechs oder sieben weitere Kanäle rauschten mit kargem Licht durch das abgedunkelte Zimmer. Auf der Programmanzeige wurden die Ziffern von Sekunde zu Sekunde größer, bis sie mit grünem Schimmer eine 38 zeigten. Er war am Ziel – wie an jedem Tag um diese Zeit. Der Großbildfernseher warf ihm ein wildes Flimmern entgegen – Bildschirmschnee, der in allen Farben und Schattierungen auf Martin niederging.

 

Martin setzte sich einen der Kopfhörer auf und lauschte dem Rauschen der Sendefrequenzen. Mit elektronischem Zirpen drang Kanal 38 in seine Augen und Ohren ein, mit grotesker Melodie, und er hatte alle Mühe, bei ihrem Klang nicht die Beherrschung zu verlieren. Seit zwei Jahren verbrachte er Tag für Tag in dieser Haltung – stumm vor dem Bildschirm sitzend, abwartend. Er führte sogar eine Strichliste, um mit den Zahlen seine Geduld zu dokumentieren. 24 Monate, 96 Wochen, 672 Tage, 16 128 Stunden.  Martin legte für einen Moment den Kopf zurück und warf einen Blick auf die kahlen Wände, die ihn umgaben. Bis auf den Fernseher stand das Zimmer leer. Die Möbel hatte er schon vor langer Zeit verkauft, um der Erinnerung zu entgehen. Das Flimmerlicht von Kanal 38 strahlte gleichgültig über den Holzfußboden. Unentwegt starrte er auf den Bildschirm – seine Trauer in Schach haltend wie einen Verbrecher, den er aus eigener Kraft gestellt hatte. Dann kehrte er wieder mit aller Macht zurück – der Gedanke an das, was Martin hierher befohlen hatte. In der Welt seiner Erinnerungen sah er Christiane ein weiteres Mal vor sich – in einem strohfarbenen Sommerkleid auf dem Weg zur Garage. Sie hatte es eilig. Ich bin ja nicht lange weg, rief sie ihm im Vorbeigehen zu. Brauchst du etwas aus der Stadt? Martin hatte seiner Frau nachgesehen, bis ihr Wagen die Auffahrt hinabgerollt und hinter den Baumreihen, die die Landstraße säumten, verschwunden war. Auch nach 24 Monaten, 96 Wochen, 672 Tagen und 16128 Stunden trug Christiane noch immer eine schwarze Sonnenbrille über ihrem Lächeln und dem Schal aus Seide. Ich bin ja nicht lange weg, tönte die Stimme noch einmal durch das Halblicht des Zimmers – bis zu jenen Bildern, denen Martins Gedanken nun Platz machten. Bilder der zerrissenen Bahnschranke und des entgleisten Zuges, der Christiane mitgenommen hatte auf eine weite Reise. Martin schloss einen Moment die Augen und überließ sich ganz dem Bildschirmrauschen, das ihn durchströmte wie ein Fluss, der kein Ende nehmen wollte. Brauchst du etwas aus der Stadt? Als er wieder in den Fernseher sah, fiel der elektronische Schnee noch dichter auf ihn herab – hunderte Videobänder hatte er schon mit ihm gefüllt. Sie alle zu sichten und noch einmal auf Spuren zu prüfen, die ihm beim ersten Sehen entgangen waren, würde Jahre dauern. Martin war sich dessen bewusst. Doch solange er konnte, hielt er dem Flimmern von Kanal 38 stand.

 

Es hatte damit begonnen, dass ihn eine alte Frau in der Straßenbahn angesprochen hatte - drei Monate und zwei Tage nach Christianes Beerdigung. Sie haben etwas verloren. Das waren ihre Worte gewesen, und Martin hatte die Fremde auf dem Sitz gegenüber zuerst nur verwundert angestarrt. Suchen Sie auf Kanal 38. Das ist alles, was ich sagen kann. Suchen Sie auf Kanal 38, und Sie werden finden, was Ihnen abhanden gekommen ist. Die alte Frau, der Martin niemals zuvor begegnet war, hatte ihm mit diesen Worten einen Schal aus Seide in die Hand gedrückt, der dem glich, den Christiane beim Beginn ihrer viel zu langen Reise getragen hatte. Suchen Sie auf Kanal 38, und Sie werden finden, was Ihnen abhanden gekommen ist. Seitdem war der Fernseher, den Christiane und Martin kurz vor ihrem Tod gekauft hatten, Mittelpunkt seines Lebens.

 

Das Schneetreiben ließ nicht nach. Martin schob sich dichter an das Großbild heran, bis seine Nase gegen das Glas stieß. Er berührte die glatte Fläche vor sich mit den Händen, und an jeder seiner Fingerkuppen knisterte es leise. Ich bin ja nicht lange weg, sagte Christiane wieder und wieder. 16128 Stunden hatte er seitdem auf Kanal 38 verbracht – immer auf der Suche nach einem Zeichen von der anderen Seite. Das ist alles, was ich sagen kann. Martin setzte den Kopfhörer ab und rieb sich die Stirn. Seit Wochen versuchten seine Freunde vergeblich, ihn zur Aufgabe zu bewegen. Das macht doch keinen Sinn. Bring dich endlich auf andere Gedanken – du wirst noch wahnsinnig werden vor der verdammten Kiste. Du musst sie endlich loslassen.

 

Martin erhob sich und ging ans Fenster. Schon vor einer Ewigkeit hatte er das Glas mit schwarzer Farbe überstrichen. Mit den Fingernägeln kratzte er über den Lack, ohne den Blick vom Fernsehbild abzuwenden. Nur einmal in der ganzen Zeit hatte er im Flimmern auf dem Schirm etwas zu erkennen geglaubt: Den Schemen einer Hand, für den Bruchteil einer Sekunde vorbeihuschend, um dann wieder im kalten Flirrlicht zu verschwinden. Sie haben etwas verloren, hatte die alte Frau in der Straßenbahn gesagt – ihre großen Augen hinter dicken Brillengläsern verborgen. Suchen Sie auf Kanal 38. Wieder lief Christiane in Martins Gedanken die Auffahrt hinab, und ihr Schal flatterte im Wind. Wie eine Fahne. Martin wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und griff wieder zum Kopfhörer. Ich bin ja nicht lange weg. Mit der Fernbedienung stellte er die Lautstärke auf Maximum, und aus dem säuselnden Fluss in seinem Kopf wurde ein reißender Strom, der alles mit sich nahm, was sich ihm in den Weg stellte. Die Nachbarn in den Häusern nebenan beschwerten sich nur noch selten über den Lärm des Fernsehers, seitdem sie wussten, wonach Martin hier oben suchte. Der Bildschirm, in den er schon viele tausend Stunden gestarrt hatte, gehörte zu den wenigen Alliierten, die ihm an Tagen wie diesen geblieben waren. Das Zimmer roch auch heute wieder nach warmen Kabeln und Schaltkreisen. Martin setzte sich und schaute in das wirre Schneetreiben, während einer der sechs Videorecorder mit lautem Pfeifen verkündete, dass nun auch Band Nummer 234 sein Ende erreicht hatte. Brauchst du etwas aus der Stadt?

 

Auf dem Dachboden stapelten sich die Videotapes mittlerweile bis unter die Decke, und Martin hatte alle Mühe, Platz für neue zu schaffen. Er kaufte die Bänder gleich kistenweise, und manchmal schauten die Leute an den Scannerkassen auf, wenn er mit zwei gefüllten Einkaufswagen vor ihnen stand. Die sind alle für meine Frau. Für den Fall der Fälle hatte Martin ein Notstromaggregat im Keller aufstellen lassen, um sicher zu gehen, dass er nichts verpasste. Wenn er für kurze Zeit das Haus verließ, zeichneten mehrere Recorder das Schneetreiben von Kanal 38 auf. Du wirst noch wahnsinnig werden vor der verdammten Kiste. Lass sie endlich los, Martin, es hat doch keinen Zweck. Du verschwendest deine Zeit. Sieh dich an. Was ist nur aus dir geworden?

 

Martin hatte Durst. Seit zwei oder drei Tagen hatte er nichts mehr getrunken. Das ist die Wüste, durch die du gehen musst, willst du deinen Weg nicht verlassen. Seinen Hunger bekämpfte er schon seit Monaten mit Konserven. So stand er auf, am ganzen Körper zitternd, legte den Kopfhörer beiseite, stellte einen weiteren Recorder an und stürmte in die Küche, wo neben dem Kühlschrank ein Berg leerer Flaschen lag. Ich bin ja nicht lange weg. Mit mechanischem Klicken tauchte Band Nummer 235 gerade in den Aufnahmeschacht, als, von Martin unbeachtet, auf dem Bildschirm nebenan die zarten Züge eines Gesichts auftauchten. Vier oder fünf Sekunden zeigte es sich durch das tosende Unwetter hindurch, immer wieder von Störwellen durchzogen, unruhig auf und ab rutschend. Wäre Martin nur einen Moment früher in das Zimmer zurückgekehrt – er hätte im Halblicht sehen können, dass Christiane – auch durch den dichten Schnee hindurch – immer noch lächelte.

* * *

EIN AUSZUG AUS DER STORYSAMMLUNG ABSURD (2002),

ALLE RECHTE BEIM VIRPRIV-VERLAG.